Das schlechte Gewissen gegenüber dem Vater

Mrz 31, 2022 | Familienaufstellung | 0 Kommentare

So lautete das Anliegen meiner Klientin.

„Es bricht mir das Herz, wenn ich mit ihm telefoniere und er traurig wird, wenn ich zu wenig Zeit für ihn habe.“

Der Vater ist in Pension und er vermittelt ihr ein schlechtes Gewissen, wenn sie am Wochenende nicht zu Besuch kommt, am Telefon kurz angebunden ist oder nicht bereit ist, ihre Freizeit mit ihm zu verbringen.

Die Klientin arbeitet die ganze Woche im Ausland, hat selbst einen Mann, Freundschaften, die sie pflegen möchte, Schwiegereltern, denen sie auch einen Besuch von Zeit zu Zeit abstatten will und da sind ihre Eltern, die ihr das Gefühl vermitteln, zu wenig Zeit für sie zu haben.

Das sind ihre Gedanken. Das ist ihre Wahrheit. Mit diesem Anliegen kam sie zu mir.

Dies bedeutet nicht, dass es wirklich so ist.

Die vorangegangene Biographiearbeit zeigt eigentlich ein wunderschönes Bild eines Familiensystems. Doch was geht in ihrem Kopf vor?

Unbewusst laufen Programme aufgrund alter Muster, denen wir auf den Grund gehen können.

Die Aufstellung hat gezeigt, dass es nur in ihrem Kopf war, zu wenig Zeit für die Eltern zu haben, speziell für den Vater. Sie sprach gegenüber dem Vater, wie wenn er ihr Sohn wäre. Dies wurde ihr erst jetzt bewusst. Sie beschrieb Situationen, wo sie auch ihr Mann immer wieder erinnerte: „Das meint dein Vater doch nicht so!“

Es gab auch immer wieder Situationen, wo sich die Tochter „über“ die Eltern stellte. Sie denkt, sie müsse für sie sorgen. So hat SIE die Rechnung im Gasthaus bezahlt, obwohl sie die Eltern einladen wollten, etc.

 

Die Tochter hat sich über den Vater gestellt. Sie war die Große, er der Kleine.

 

Diese Beobachtung in der Aufstellung hatte zur Folge, dass sie die letzten Jahre Revue passieren ließ und mir Recht gab. Sie stellte sich als die Erwachsene hin, machte dadurch den Vater zum „Kleinen“.

Dies bringt jedoch Unruhe.

Es gibt im Familiensystem Hierarchien.

Die Eltern geben, die Kinder nehmen.

Die Eltern sind die „Großen“, die Kinder die „Kleinen“. Natürlich gibt es auch Ausnahmen.

Doch in diesem Fall, hat sich die Tochter über die Eltern gestellt, wenn auch nur unbewusst. In der Familienaufstellung kam dies an die Oberfläche. Daran kann nun gearbeitet werden. Das ist meiner Klientin klar geworden.

Aus diesem Grund sah sie auch in ihrem Vater das verletzte Kind, welches ihre Aufmerksamkeit forderte. Doch das war ihr Glaube, nicht der Glaube ihres Vaters.

Der Mann meiner Klientin wollte ihr das immer vermitteln, doch sie war anderer Meinung und konnte „nicht aus ihrer Haut“.

Eine Aufstellung bringt ans Tageslicht, welche Rolle wer spielt und was in einem Familiensystem läuft.

In Zukunft wird sie nun klar kommunizieren, dass sie das Wochenende mit ihrem Mann oder Freunden verbringen will, ohne schlechtes Gewissen.

Sie wird sich bewusst machen, ihr Vater ist erwachsen, er ist der Vater, nicht ihr Sohn. Er braucht nicht unbedingt die Gesellschaft seiner erwachsenen Tochter am Wochenende.

Es geht hier um die klare Vermittlung ihrer Bedürfnisse. Sie ist „das Kind“, das sich nicht um ihren Vater zu kümmern braucht.

 

Wie sieht das bei dir aus? Welche Rolle übernimmst du in deinem Familiensystem?

Alles Liebe und viel Gesundheit wünscht Dir,

Petra